Folge 1: Einstiege. Wir brauchen Nähe. Und den Mut, mit ihr zu brechen
Die ersten Zeilen sind häufig die Schwersten, sie sind das Portal in einen Text. Wie die Herausforderung von Anfängen gelingt.
Du kennst bestimmt dieses Gefühl, vor einer weißen Seite zu sitzen, der Cursor blinkt, du tippst ein paar erste Buchstaben, schreibst einen Satz, vielleicht einen zweiten und wenn es gut läuft sogar zwei oder gar einen Absatz.
»Super!«, denkst Du dir vielleicht. »Jetzt geht es los!«
Dann liest du nochmal. Und: »Alles Mist.«
Einstiege, heißt es, sind eine Kunst für sich. Und egal, ob man sich als Künstler begreift, als Edelhandwerker, oder solche Begriffe lediglich für das Zeugnis eines zu aufgeblasenen Egos hält: Einstiege sind wichtig. Sie entscheiden darüber, ob Leserinnen und Leser dranbleiben, sich einlassen, »Ja« sagen zu dem, was wir ihnen anbieten. Oft bleiben dafür nur drei Zeilen, höchstens fünf; das zumindest habe ich von verschiedenen Lektorinnen renommierter Buchverlage wie Luchterhand oder Hanser gelernt. Und auch im Journalismus bekommen Lesende vor der Aufforderung zum Abo nur selten mehr von einem Text zu sehen.
Fünf Sätze. Höchstens. Und auf dieser Grundlage müssen Menschen entscheiden, ob das von uns Geschriebene es wert ist, dass sie das Wertvollste dafür hergeben, das sie besitzen: nicht nur Geld, vor allem ihre Lebenszeit.
Das Handwerk der ersten Sätze
In der Literatur wie im Journalismus wird Lernenden oft eine scheinbar simple Regel beigebracht: Der erste Satz muss mächtig sein, erschütternd wie ein Erdbeben.
Gut möglich, dass auch dem Autor Charles Simmons diese Regel beigebracht worden ist. Seinen Roman Salzwasser beginnt er mit folgendem Satz:
«Im Sommer 1963 verliebte ich mich und mein Vater ertrank.»
Dieser Einstieg entfesselt in einem Satz die Macht eines Bebens. Das gelingt aus verschiedenen Gründen.
Der Satz öffnet das Fenster zu dem größten Gegensatz des menschlichen Seins: Leben und Tod. Ohne einen Vater gäbe es kein Kind (Leben). Der Vater ist nun ertrunken (Tod).
Die Zeile kündigt eine der mächtigsten und geheimnisvollsten, in jedem Fall verführerischsten Emotionen des Menschen an: die Liebe.
Der Autor spielt mit Wörtern, die aus ihrer reinen Begriffsbedeutung heraus banal erscheinen, aber in unserer Sprache aufgeladen sind mit Emotionen: Sommer, das ist viel mehr als eine Jahreszeit, das ist Wärme, das ist Freude, das ist Abenteuer, das ist Lachen und Aufbruch und Genuss, zumindest für die meisten. Nicht so für den Ich-Erzähler, dessen Vater in diesem Sommer ertrank.
Der Einstieg verwebt große, klassische Kontraste in einem Menschenleben: Freude und Trauer. Vater und Kind. Leben und Tod.
In diesem einen Satz stecken also extrem viele Überlegungen. Charles Simmons hat sich Mühe gemacht und seinen ersten Satz – wie so viele Schreibende – sicher Dutzende Male, wenn nicht häufiger, umgeschrieben. Wer diesen bebenden ersten Satz liest, kann sich das denken.
Und genau das ist ein Problem.
Die Grenzen von Faustregeln
Hast Du als Kind mal einem Zauberer zugesehen? Oder warst im Zirkus und hast Athletinnen beobachtet, wie sie von Seil zu Trapez geschwungen sind, so leicht und verspielt als könnten sie fliegen?
All das fehlt dem ersten Satz von Simmons. Und all das kann fehlen, wenn ein Mensch beim Schreiben zu viel über zu starre Regeln grübelt. Etwas von Qualität zu schaffen, egal ob körperlich oder geistig, ist harte Arbeit. Wo wir diese Arbeit übersehen, beginnt die Magie jeder Kunst.
Faustregeln haben dann etwas für sich, wenn man sie nutzt, um den Prozess zu starten. Bevor Anfängen ein Zauber innewohnt, sind sie erstmal vor allem eines: Verdammt schwer und ein ziemlich sicherer Garant für Kopfschmerzen. Faustregeln wie die des Erdbebens geben Leitplanken vor, wer ihnen folgt, gelangt relativ sicher zu einem soliden Ziel. Faustregeln sind das Ibuprofen eines Schreibenden.
Aber wer möchte sich auf Dauer mit Schmerzmitteln zudröhnen, um zu schreiben?
Schreiben heißt, die eigene Empathie erkunden
Was an der Beben-Regel gut funktioniert, ist, dass sie uns zum Nachdenken zwingt: Wie erregen wir das Interesse unserer Lesenden?
Damit ein Text Sog entwickelt, muss er von Beginn an einen Schlüsselreiz aufwerfen, also etwas, mit dem ein Leser sich identifizieren kann. Wichtig an diesem Reiz ist aber nicht der Knall, das Laute und Überraschende, sondern die Nähe, die sie in den Lesenden aufbaut.
Im US-amerikanischen Journalismus hat sich, vor allem durch das Nieman Journalism-Lab der Harvard University der Begriff des »Journalism with Meaning« etabliert. Also des Journalismus mit Bedeutung. Von Kolleginnen und Kollegen dort habe ich gelernt, dass ein jeder gute Text – und im Übrigen gilt das genauso für Podcast oder Fernsehen – eine Antwort auf die Frage finden muss: »So what?!«
Sinngemäß übersetzt: Was zur Hölle geht mich diese Sache so an, sodass ich dir meine wertvolle Zeit schenken soll?
Um zu einer Antwort zu finden, hier einige Impulse:
Hat der Einstieg einen Konflikt oder ein Spannungsfeld aus verschiedenen Perspektiven, Eindrücken oder Kontrasten, beispielsweise einem Wunsch und einer Ablehnung oder dem Gegensatz von Früher zu Heute?
Werden Grundemotionen benannt oder, besser, aufgebaut – also, Liebe, Hass, Trauer, Hoffnung, Angst, Sehnsucht, etc.?
Spiegelt sich im Konkreten etwas von größerer Bedeutung? (z.B. Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Moral, etc.)
Wichtig ist, klar, präzise und möglichst einfach zu formulieren anstatt sich in der Suche nach möglichst klangvollen Beschreibungen zu verlieren. Der Klang von Worten ist ein wertvolles Instrument, Nähe aber entsteht durch das konkrete, das treffende Wort.
Szenen eignen sich oft sehr gut für Einstiege, weil sie durch Handlungen Kino im Kopf erzeugen und wir uns gedanklich in fast jede Handlung einfühlen können. Denselben Effekt erzeugen kann aber auch ein Gedanke, eine Metapher oder eine Frage – solange die Idee eng genug mit der Lebenswirklichkeit der Lesenden verknüpft ist.
Geniale Einstiege schaffen nicht nur Identifikation. Sie brechen auch mit dem Erwartbaren. Was damit gemeint ist? Erzähle ich im folgenden Abschnitt und gebe dazu auch ein Beispiel aus meiner eigenen Schreibpraxis für die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT. Du bist interessiert? Dann steig gern richtig ein.
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Bruch mit dem Erwartbaren
Ein toller Einstieg liefert Identifikation. Aber er ruht sich nicht darauf aus, sondern bricht mit dem Erwartbaren und schafft so noch größere Nähe – durch Neugier.
Für die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT habe ich das erste Mal öffentlich zugegeben, dass ich Autist bin. Der Text war wichtig für mich, durch meine Arbeit öffnete ich mich einer Reise zur Selbsterkundung. Beim Schreiben aber war ich verunsichert. Klar, mir bedeutet das alles viel. Aber warum sollte irgendjemanden da draußen mein Leben interessieren? Was macht den Text von Anfang an relevanter als irgendeinen Tagebucheintrag eines Unbekannten?
Ich habe es so versucht:
»Sie kennen bestimmt dieses Gefühl, keinen Zugang zu finden zu einem Menschen oder einer Gruppe, egal wie sehr man sich bemüht. Dann tut sich eine Kluft auf, zwischen einem selbst und den anderen. Ein Asperger-Autist fühlt sich immer so, jeden Tag.«
Ehrlich? Ich mag diesen Einstieg. Normalerweise verflüchtigt sich das Gefühl, das zu mögen, was ich schreibe, nach wenigen Tagen. Diesen Einstieg habe ich 2020 verfasst.
Meiner Perspektive nach gelingen hier mehrere Dinge, die mich fast immer zum Verzweifeln bringen:
»Sie kennen bestimmt dieses Gefühl…« – eine direkte Ansprache an die Lesenden vermittelt Nähe.
»…keinen Zugang zu finden (…), egal wie sehr man sich bemüht« – eine universelle Erfahrung, wie sie ein jeder Mensch im Laufe seines Lebens macht. Egal, wie sehr wir uns bemühen, oft bleibt es in Wahrheit ein Geheimnis, warum die einen mit uns nichts anfangen können, während die anderen sagen »ich mag dich halt!«
»Dann tut sich eine Kluft auf, zwischen einem selbst und den anderen« – dieser Satz übersetzt das Gefühl in ein Bild und verstärkt die Emotion dieser Erfahrung, und damit verstärkt sich auch die Wirkung der Nähe.
»Ein Asperger-Autist fühlt sich immer so, jeden Tag« – die Identifikation und Nähe wird radikal gebrochen.
Brüche sind deshalb so gut, weil sie uns überraschen und eine Frage in den Lesenden hinterlassen, sie bringen ein bisschen Chaos in die Harmonie der Nähe. Unser Gehirn aber sehnt sich nach Ordnung. Es ist ein neuropsychologischer Fakt, dass menschliches Denken versucht, Chaos in Ordnung zu überführen.
Im Beispiel meines Autismus-Texts aus DIE ZEIT spekuliere ich darauf, dass die allen Menschen gemeinsame Erfahrung so mächtig ist, dass sie eine tiefe Identifikation erzeugt. Ein ehrliches »ja, das kenne ich!«, als Reaktion der lesenden Person. Daraufhin kommt der Bruch: »Asperger-Autist«.
Das erzeugt ein Spannungsfeld. Dem «ja, das kenne ich!« wird die Diagnose »Autismus« beigestellt. Die allermeisten Lesenden dürften sich nun fragen: Autismus?! Woher kommt das denn jetzt?!
Eine extreme Identifikation wird gebrochen mit etwas – für viele – gänzlich Fremdem. Diese Irritation erzeugt Sog, weil sie Lesende in eine konstruktive Verwirrung stürzt:
Gerade ging es doch um (ganz normale) Leute wie mich, wie passt das jetzt plötzlich mit Autismus zusammen?
Um dieses Spannungsfeld aufzulösen, werden Menschen weiterlesen.
Fazit
Ein guter Einstieg liefert Identifikation und Nähe. Tolle Einstiege brechen darüber hinaus mit dem Erwartbaren und erzeugen so Neugier.
